Wüterich, Programmierer, Verächter der deutschen Blagosphäre
04.02.2016, 20:10 Uhr

Böse Verschlüsselung für böse Menschen?

Heute in den Trending-Topics von Twitter waren unter anderem die Schlagworte Anschlag in Berlin, bemerkenswert daran für mich: Es gab keinen Anschlag, es wurden lediglich einige Personen festgenommen, von denen vermutet wird, sie hätten einen Anschlag aus islamistischen Motiven geplant.
Sicher ist an der ganzen Sache nur, die Personen wurden festgenommen, die Behörden vermuten alles Weitere. Je nach Quelle der Nachrichten klingt das entweder wie von mir beschrieben oder eher so, als hätten Polizisten in letzter Minute einen zu 100% feststehenden Anschlag verhindert.
Einige Zeitungen, wie zum Beispiel die Süddeutsche haben es sich auch nicht nehmen lassen, sofort auf einen besonderen Umstand hinzudeuten:

Die Verdächtigen haben offenbar verschlüsselt kommuniziert.

Zu welcher Schlussfolgerung bringt das den normalen Zeitungsleser, der ja eh nichts zu verbergen hat nun? Richtig, Verschlüsselung ist schlecht und wie immer mal wieder erwähnt, hilft das ja nur den Terroristen und Verbrechern auf dieser Welt!
Das finde ich in vielerlei Hinsicht problematisch.
Zuerst zu den Fakten, unter der Annahme, die Festgesetzten sind Terroristen und haben tatsächlich verschlüsselt kommuniziert.

Was würde uns das sagen? Die verschlüsselte Kommunikation hat die Behörden gar nicht behindert bei ihrer Ermittlungsarbeit. Es ist ja doch gelungen, die Übeltäter Dingfest zu machen, bevor sie es geschafft haben, überhaupt zu Übeltätern zu werden.
Das deckt sich mit einer Aussage, die von Michael Hayden, seines Zeichens der ehemalige NSA- und CIA-Chef, getätigt wurde, Geheimdienste wären gar nicht mehr auf den Inhalt der Kommunikation angewiesen sondern könnten alle relevanten Informationen bereits aus den Meta-Daten gewinnen. Das rein auf dieser Basis gewonnene Wissen scheint sogar gefestigt genug, um Leute deshalb schnell zu töten.
Also könnte man wohl vermuten, hier gäbe es keinen Grund, Verschlüsselung zu verteufeln. Dennoch machen sich Politiker immer wieder Gedanken, wie sie diese Technik aushebeln könnten, da kommen Hintertüren zur Sprache, die es Behörden ermöglichen würden, sämtliche Verschlüsselung bequem zu umgehen. Sogar über komplette Verbote wurde schon diskutiert.

Aber wer wäre denn letztlich der Leidtragende des ganzen? Natürlich nicht die Verbrecher und Terroristen dieser Welt, die das Verbot sicher so ernst nehmen würden wie die anderen Gesetze, die sie brechen um ihre Berufsbezeichnungen zu verdienen. Nein, in diesem Fall wären wieder der einfache, brave Bürger oder das gesetzestreue Unternehmen diejenigen, die darunter leiden müssten. Warum?
Es gibt derzeit genug Software auf dem freien Markt, auch genug Open-Source-Software, die sich zur sicheren Verschlüsselung von Daten auf der Platte und Kommunikation eignet. Um den hypothetischen Anforderungen gerecht zu werden, müsste diese Software mit den passenden Hintereingängen ausgestattet werden und damit absichtlich unsicherer gemacht werden.
Hierbei gibt es schon diverse große Probleme:

  1. Derjenige, dem das Gesetz egal ist, bleibt einfach bei der alten Version, die ja auch sicher nicht einfach aus dem Internet verschwindet. Somit wäre die eigentliche Zielgruppe dieses Vorhabens schon mal weggefallen.
  2. Eine Hintertür in dieser Art von Software gleicht geradezu einer offenen Einladung an alle Hacker und Cracker dieser Welt, selbige zu suchen und entweder zu veröffentlichen oder gegen viel Geld an geeignete Geschäftspartner zu verkaufen.
  3. Grundlegende Probleme mit Open-Source-Software: Die Implementierung kann hier nicht unbemerkt vorgenommen werden, daher wäre so eine Vorgabe sicher das Ende quelloffener Verschlüsselungssoftware.

Was kommt am Ende also dabei raus? Während die Schufte dieser Welt weiterhin den Luxus privater und vertraulicher Kommunikation genießen würden, wären alle anderen dieses Privileg los.
Ein wenig Erinnert das Ganze an die tollen DVD-Menüs von früher: Wer anständig für seinen Film bezahlt hat, wird mit Warnungen vor Raubkopien und Werbung dafür bestraft und darf eine halbe Stunde seines Lebens pro Film opfern um aufgeklärt zu werden, dass er schon mit einem Bein im Gefängnis steht, wenn er auch nur ein Bild seiner DVD auf Facebook stellen würde. Wer dagegen den Film heruntergeladen hat, macht ihn an und kann sofort mit dem geplanten Filmgenuss beginnen.

Und egal, was die meisten Medien und Politiker uns allen Einreden wollen, es gibt auch für den unbescholtenen Bürger - der vielleicht tatsächlich nichts zu verbergen hat - genug Gründe, auf eine ordentliche Verschlüsselung zu setzen:

  • Sichere Ablage von sensibler Daten (Finanzen, Versicherungen etc.)
  • Schutz von Betriebsgeheimnissen
  • Schutz vor Datendiebstahl (gerade bei mobilen Geräten wie Laptops)
  • Privatsphäre

Daher stelle ich mir die Frage, warum hier versucht wird, die Leute dazu zu bringen, ein Leben wie in 1984 mit offenen Armen zu empfangen, statt die Vorschläge von Regierungen kritisch zu hinterfragen? Gerade Journalisten und Reporter sind in ihrem Job darauf angewiesen, teils kritische und vertrauliche Informationen bekommen und aufbewahren zu können.

Daher lieber ein Aufruf an alle: Denkt mal genau nach, ob ihr wirklich eure Freiheit und Privatsphäre für ein Stück vermeintlichen Schutz aufgeben möchtet, nur um am Ende vermutlich ohne beides dazustehen.

Denn wie schon Benjamin Franklin sagte:

Those who would give up essential Liberty to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety

Zu Deutsch:

Die, die ein Stück wesentlicher Freiheit aufgeben um damit ein wenig Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit

Verfasst von: Tokk
Abgelegt unter: Irrwege der Technik, Politisches, Meine Meinung
Tags: Verschlüsselung, Terror, Ermitlung, Freiheit, Sicherheit, Software, Spionage