Wüterich, Programmierer, Verächter der deutschen Blagosphäre
30.03.2016, 20:00 Uhr

Nein - Ihr wurdet nicht gehackt

Alles anklicken, was auf Facebook cool aussieht, dass kann jeder User. Und von diesem Recht machen die meisten auch Gebrauch, bis dann mal was schiefgeht. Das geht schneller als man denkt und am Ende steht man ganz schön blöd da, weil unter dem eigenen Namen eindeutiges Material überall gepostet wird.
Wenn es dann aber doch so kommt, ist es natürlich super, wenn man es schafft selber als Opfer dazustehen. Da passt es natürlich gar nicht, zuzugeben, dass man ein digitaler Schussel ist, ein Sündenbock muss her. Selbstverständlich taugen hier keine Flüchtlinge, sondern es muss etwas Anderes her, mit dem das Böse assoziiert wird, welches nichts Besseres zu tun hat, jeden einzelnen online wie einen Trottel dastehen zu lassen, der seine Finger auf der Webseite für schmutzige Filme seiner Wahl nicht vom Teilen-Knopf lassen konnte.
Und wer sollte da besser passen, als der in Ski Maske vor dem PC sitzende Hacker, der fleißig auf die Tasten tippt, während er im Keller seiner Mutter diabolisch vor sich hin lacht?
Aber so einfach ist das nicht! Auch wenn viele nicht wissen was da vorgefallen ist, so hat doch sicher jeder auf seiner Freundesliste ein paar wenige, die nur ein paar Klicks davon entfernt sind, den Pechvogel auffliegen zu lassen.
Ganz hinten im Hinterkopf ist die Erinnerung an die vor ein paar Tagen bis Wochen entdeckte Facebook-App, die zeigen sollte, wer zum Beispiel das eigene Profil besucht hat. Da wurde man natürlich neugierig und klickte drauf. Die erscheinende Warnmeldung von Facebook Zugriff auf Profil…unter deinem Namen posten…blödes Geschwafel wurde natürlich lieber ganz schnell weggeklickt, denn man will ja wissen, wer sich so auf dem eigenen Profil herumtreibt. Dann wurden vielleicht noch einige Freunde und ein paar schöne Damen angezeigt und ganz schnell waren die Meldungen im Kopf hinter die schönen Brüste auf dem Schirm gerutscht.
Und nun ist er da, der Ernstfall. Gepostete Pornos auf dem eigenen Profil! Unter dem eigenen Namen! Peinlich! Was jetzt? Klar, die Schuld liegt wo anders, man selbst hat ja nichts gemacht. Außerdem kann ja nicht gestanden werden, dass die ganze Freundesliste aus Eigenverschulden vollgespammt wurde. Daher schnell die Opferrolle angezogen und fertig! Schon bekommt man von anderen – genauso digital unaffinen Menschen – Mitleid und Zuspruch, wie schlimm die Onlinewelt doch wäre. Und weil sicher auch ein oder zwei neugierige Freunde auf die Links geklickt haben, um die schönen Inhalte zu sehen, gibt es nächste Woche gleich die nächsten bösen Häcker, die sich nun an die Freunde machen.
Die Erinnerung an die dubiose App von vor langer Zeit verblasst indes zusammen mit der Möglichkeit, aus dem Vorfall wenigstens noch eine Erkenntnis zu ziehen.

Überhaupt, was soll diese Opferkultur?
Ist es schick, ein Opfer zu sein? Die eigene Dummheit auf ein Wort zu schieben, das anderen Leuten eventuell was bedeutet? So wandelt sich doch heute schon die Bedeutung des Wortes Opfer, im Jugendslang steht es bereits eher für einen Loser, der nichts auf die Reihe bekommt, als für die Ursprüngliche Bedeutung.
Die Leidtragenden? Echte Opfer.
Die Schuldigen? Erwachsene, die den Kindern vorleben, Opfer sind – wie in diesem Fall – Leute, die online einfach nichts auf die Reihe kriegen.
Schämt euch!

Auch alle, die sofort herbeigeeilt kommen, um dem vermeintlich gehackten die Kondolenz über den Vorfall auszudrücken: Schämt euch genauso!. Ihr ganz alleine fördert damit ein solches Verhalten, vermutlich immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, es ist ja schnell passiert. Hilft niemandem, zeigt im besten Fall eure Ahnungslosigkeit, im schlimmsten euer Eingeständnis an die eigene technische Unbedarftheit, gegen die ja leider nichts zu machen ist.

Aber so ändert sich nie etwas. Es ist so leicht, darauf zu achten, welche Apps Zugriff auf das Profil haben, wer schreiben darf und es ist mindestens genauso leicht, beim Klicken mal das Hirn einzuschalten und nicht überall zu klicken, wo einem das Seelenheil versprochen wird. Genauso braucht ja nicht jeder sprechende Esel eure Kreditkartennummer.
Bringt das Missgeschick in Ordnung und solche Facebook-Auswüchse wird es schon bald, genau wie 80% der Computer-Viren, nicht mehr geben.

Verfasst von: Tokk
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Tags: Hack, Datenschutz, IT, Dummheit, Sicherheit, Software, App, Hacker, Facebook, Social-Media